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Johann Amos Comenius (1592 – 1670): Der erste neuzeitliche Pädagoge

Johann Amos Comenius (geboren am 28.03.1592 – gestorben am 15.11.1670) kann zurecht als der erste Pädagoge bezeichnet werden, der neuzeitlich dachte und handelte (vgl. KNOOP; SCHWAB:  1999, S. 29).

Er wollte als Christ die Welt durch Erziehung und Bildung in Form von Schulen für „die gesamte Jugend beiderlei Geschlechts ohne jede Ausnahme“ (zitiert nach KNOOP; SCHWAB:  1999, S. 30) verbessern. Denn  durch einen verbesserten Unterricht sollte zugleich die Christenheit besser auf die nahende Wiederkunft des Herrn vorbereitet werden.  Da er als gläubiger Christ annahm, dass sich Gott der Schwächsten bedient, um an ihnen seine Größe und Herrlichkeit zu zeigen, war Comenius wichtig, besonders die Kinder und Jugendlichen der Landbevölkerung zu beschulen. Zudem wollte er Mädchen und auch besonders arme Jugendliche unterrichten.

Comenius wuchs im Mährischen in der Nähe von Prerov (Prerau) auf, wo er verschiedene Kulturen kennenlernte, und zwar die tschechische, die slowakische, polnische, ungarische, deutsche und österreichische Kultur. Er selbst hat tschechische Wurzeln (daher lautet sein nicht latinisierter Name auch Komensky). Der Vater war Müller und erzogen wurde Comenius gemäß einer protestantischen Gemeinschaft, die sich die „Böhmischen Brüder“ nannte.  Sie versuchten, dem Urchristlichen in ihrer Lebensart sehr nahe zu kommen. Früh verstarben Comenius‘ Eltern und zwei Geschwister. Erst mit 16 Jahren wurde trat er in eine Lateinschule in Prerau ein und siedelte später über in den Westen des damaligen Deutschen Reiches (Herborn / Nassau, dann nach Heidelberg).  Comenius machte früh Karriere und leitete bereits mit 22 Jahren die Prerauer Lateinschule. Sein Leben wurde jedoch stark durch den Dreißigjährigen Krieg (1618 – 2648) beeinflusst. Seine Frau und Kinder starben durch Seuchen, seine mühsam aufgebaute Bibliothek wurde stark beschädigt und  1627 wurde er als Protestant als „böhmischer Exulant“ ausgewiesen. In polnischen Exil Leszno (Lissa) stabilisierte sich sein Leben ein wenig, sodass er erneut heiratete und in seiner böhmischen Gemeinschaft eine bedeutende Rolle einnahm. Zudem wurde er dort Lehrer und als respektierter pädagogischer Schriftsteller tätig.  Inzwischen wurde er international beachtet und eingeladen. Am Stockholmer Hof wurde er fest beschäftigt und arbeitete weiter an seinen pädagogischen Schriften. Nachdem 1648 der sogenannte Friede von Münster und Osnabrück geschlossen wurde, wusste Comenius, dass er als evangelischer Christ weiterin im Exil bleiben musste. Daher zog er zurück nach Lissa, wo er Bischof wurde. Doch auch seine zweite Frau verstarb. Als er als Bischof in Ungarn und Siebenbürgen unterwegs war, setzte er als Pädagoge Schulpläne um.  Er heiratete erneut und arbeitete weiter an pädagogischen Reformen. 1656 wurde jedoch Lissa durch den polnisch-schwedischen Krieg stark getroffen, auch seine Bücherei erlitt dabei großen Schaden. So verbrachte er die letzten 14 Jahren in Holland, wo er noch eine didaktische Gesamtausgabe herausgeben konnte (vgl. KNOOP; SCHWAB:  1999, S. 30 – 31).

Interessant ist der Umstand, dass Comenius in einem zerrissenem Europa als Teil einer kleinen christlichen Gemeinschaft stets um Frieden geworben und für eine universaler Schule, Gemeinschaft, Sprache etc. eingetreten ist. Gleichwohl wollte er nicht, wie die Kriege und Schlachten bewiesen, auf Revolution und Gewalt, sondern auf Aufklärung und Erziehung setzen (vgl. KNOOP; SCHWAB:  1999, S. 32).

Comenius‘ didaktische Ziel war es, den Lehrern Arbeit zu ersparen und gleichzeitig die Effektivität von Unterricht zu erhöhen durch einen fortschrittlich gestalteten Unterricht.  Dabei geht Comenius im biblischen Sinne davon aus, dass die jungen Menschen lernfähig und auch lernbedürftig sind.  Er plädiert dafür, Jugendliche nicht durch Prügel und Strafe, sondern durch Vernunft zu erziehen. Denn Menschen seien als Ebenbild Gottes mit Vernunft ausgestattet, daher sei z. B. eine Prügelstrafe gleichzeitig mit einer Kränkung Gottes gleichzuetzen (vgl. KNOOP; SCHWAB:  1999, S. 32 – 33).

Silvio Ströver, Dipl.-Pädagoge

Benutzte Literatur:

KNOOP, Karl; SCHWAB, Martin: Einführung in die Geschichte der Pädagogik. Pädagogen-Porträts aus vier Jahrhunderten. Wiebelsheim: Quelle und Meyer Verlag, 4., durchgesehene und ergänzte Auflage, 1999, S. 29 – 41.

Tipp: Paedblog-Artikel:

Johann Amos Comenius – Ein bodenständiger Christ und Pädagoge: http://www.paedblog.de/2010/11/25/johann-amos-comenius-ein-bodenstandiger-christ-und-padagoge/

Johann Amos Comenius – Ein bodenständiger Christ und Pädagoge

Comenius verlor früh seine Eltern, Verwandte und später nacheinander seine Ehefrauen und zum Teil auch Kinder. Es war ein Leben voller Umbrüche, Not und Verfolgung in schwierigen Zeiten, die den Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit ausmachten. Ein wichtiger Halt in seinem Leben war der christliche Glaube. Dabei gehört er einer Brüdergemeinde an, die den Laiendienst und nicht etwa das Kirchenamt betonte. Ihm war es wichtig, dass Menschen in Gottes Nähe sind und so innerlich zur Ruhe kommen können. Eine “Einübung ins Christentum” und die Konzeption einer “Natürlichen Pädagogik”standen daher an erster Stelle. Diese Pädagogik sollte anschaulich, beispielhaft und lebendig aufgebaut sein. Über das “natürliche” Verstehen sollte das zwanghafte Belehren gemieden werden.  Schließlich entwickelte Comenius den Gedanken eines ganzheitlichen Wissens (Pansophie) mit dem Ziel, den Menschen allumfassend zu bilden und ihm die Möglichkeit zu geben, sein jenseitiges Leben schon auf Erden gut vorzubereiten. Comenius wollte aus der theoriebelasteten “Tretmühle Schule” einen gewaltfreien, spielerischen, praxisnahen Ort machen, musste aber erkennen, dass dies gesellschaftlich nicht gewollt war. Nach Comenius sollten alle (!) (Menschen) auf umfassende Weise in allen Dingen anschaulich unterrichtet werden. Prinzipiell sei jeder(!) Mensch in der Lage, alles zu verstehen. Der Stoff sei je nach Alter etc. graduell unterschiedlich zu vermitteln, jedoch zähle die eigene Einsicht, nicht die Autorität der Lehrer. Die Schulqualität soll verbessert, die Unterrichtszeit verkürzt werden. Anschaulich und lebensnah soll der Unterricht sein, für die Sinne anregend gestaltet sein. Die Begründung für dieses Verständnis zieht Comenius aus der Bibel, wo der Mensch – Mann und Frau – mit Gottes Ebenbild verglichen wird. Im Auftrag Gottes solle der Mensch versuchen, schöpferische Ordnung ins irdische Chaos herzustellen. Zwar bestimmt der Glaube grundsätzlich die menschliche Handlung, doch gründet diese auf Vernunft. Doch überhöht Comenius die Vernunft keineswegs, indem er sie über alles andere stellt, sondern betont, dass die eigene Wahrnehmung durch die Sinne ebenfalls wesentlich sind. Comenius selbst äußerte sich wie folgt: “Wie geartet die Kinder geboren werden, liegt in keines Hand. Aber dass sie durch richtige Erziehung gute (Menschen) werden, das steht in unserer Macht.” Comenius, ein Mensch, der selbst durch Höhen und Tiefen ging und im Glauben Halt gewann. Er war mehr als nur der erste “Kinderbuchautor.” Wer seine Pädagogik verstehen will, ahnt, wie wertvoll sie noch heute ist.

Silvio Ströver, Diplom-Pädagoge

Benutzte Quelle:

Regina Bojack, Barbara Bojack:

Comenius, ein moderner Pädagoge.

Wismar Discussion Papers / Heft 03/2008 (Kramer Hrsg.)

http://www.wi.hs-wismar.de/~wdp/2008/0803_BojackBojack.pdf