Schlagwort-Archiv: Menschenbildung

Aufgabe der Jugendsozialarbeit: Jugendlichen zur selbsterschaffenen Identität verhelfen

Schon der Psychoanalytiker Erik Homburger Erikson hat in den 1940ern die Jugendphase als spannungsgeladenes Feld gesehen, das die Bildung einer festen Identität zum Ziel hat. Im Ergebnis wird ein Jugendlicher kriminell oder passt sich gesellschaftlich an.  Ziel war in diesem Modell also stets die Bildung einer festen Identität.

Doch inzwischen gilt dieses Ziel aufgrund gesellschaftlicher Umbrüche (z. B. häufigere Arbeitslosigkeit, allgemeiner Zerfall einst gesellschaftlich bindender Normen und Werte, damit zusammenhängend:  Zwang zur Wahl in den unterschiedlichsten Bereichen, z. B. Berufswahl etc.) als veraltet. Daher ist eine „flexible“ Persönlichkeitsentwicklung gefragt. Ziel der Jugendsozialarbeit muss es also sein, Jugendlichen zu helfen, eine Persönlichkeit entwickeln zu können, die flexibel genug ist, sich an gesellschaftliche Änderungen anpassen zu können.

Lesen Sie hier nach, was Anton Schlittmaier vor ca. einem Jahr auf  der Webseite Sozialnet veröffentlicht hat: http://www.socialnet.de/materialien/134.php

Quelle:

Anton Schlittmaier: Jugend im Wandel der Zeiten – alte und neue Probleme der Identität. Veröffentlicht am 30.01.2012 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/134.php, Datum des Zugriffs 12.01.2013.

Silvio Ströver, Diplom-Pädagoge

LibreOffice – Die demokratisch entwickelte Bürosoftware für jede(n)

Im Gegensatz zu den üblichen Textprogrammen wie z. B. Word gibt es mit LibreOffice eine quasi demokratisch entwickelte, frei erhältliche Software, die weder das Nutzer-verhalten ausspioniert noch auf Gewinn aus ist. LibreOffice gehört zu den Internet-Projekten, die von vielen, unterschiedlichen Menschen ehrenamtlich entwickelt wurde und wird, weswegen ich hier gerne auf die Webseite verweise: http://de.libreoffice.org/home/

LibreOffice beschreibt sich selbst wie folgt:

„LibreOffice ist Freie Open Source Software. Sie ist daher frei zum Herunterladen, frei im Gebrauch und frei in der Verbreitung. Frei meinen wir hier im Sinne von Freiheit.“

Der Vorteil: Es handelt sich hier um eine gute Sache, die zunächst einmal kostenlos ist. Zudem können Sie mit dieser Software alle gängigen Textdokumente bearbeiten und problemlos Dateien ins Pdf-Format abspeichern. Sollten Sie nicht über LibreOffice verfügen, können Sie es sich hier downloaden und installieren: http://de.libreoffice.org/download/installation/

Warum diese Software gerade für den Einsatz an Schulen sehr gut geeignet ist, und weshalb man nicht länger mehr auf das bisherige OpfenOffice setzen sollte, erfahren Sie hier: http://lehrerfortbildung-bw.de/werkstatt/text/open_libre/

LibreOffice bietet den Schulen Arbeitsblätter und Unterrrichtsmaterialien an: http://de.libreoffice.org/anwender/bildung/schulmaterial/

Auch der Einsatz von LibreOffice an den Volkshochschulen wird hier beschrieben: http://de.libreoffice.org/anwender/bildung/schulmaterial-2/

Dass man auf Grundlage von LibreOffice auch noch den Europäischen Computerführerschein ECDL erwerben kann und LibreOffice und Bildung generell gut zusammenpassen, können Sie u. a. hier nachlesen: http://de.libreoffice.org/anwender/bildung/

Silvio Ströver, Diplom-Pädagoge

Gesundheitliche Chancengleichheit

Chancengleichheit ist ein zentrales pädagogisches Ziel. In der Regel denkt man hier an schulische Bildung, die zum Teil erheblich dazu beiträgt, dass bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten sich auch im Bildungsgeschehen in Form entsprechender Schulabschlüsse abbilden. Größtenteils sind sozial benachteiligte Bürgerinnen und Bürger auch gesundheitlich oft schlechter dran als sozial Bessergestellte: „Insbesondere sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche haben im Hinblick auf die soziale Lage ihrer Familien deutlich geringere Gesundheitschancen…“ – zitiert aus: http://www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/gesundheitsfoerderung-bei-kindern-und-jugendlichen/hintergruende-daten-materialien/

Daher verweise ich hier gerne auf diese Webpräsenz, die „auf Initiative der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gegründet“ wurde und damit versucht, für gesundheitliche Chancengleichheit einzutreten.

Erfahren Sie hier mehr über dieses Projekt: http://www.gesundheitliche-chancengleichheit.de

Silvio Ströver, Diplom-Pädagoge

Bildung für wenige?

Wer ein Ziel hat, gibt sich selbst eine Richtung. Vor einem Jahrzehnt haben sich gleich 164 Länder auf dem sogenannten Weltbildungsforum 2000 mehrere Ziele gesteckt, die sie bis 2015 erreicht haben wollen. Die UNESCO hat dieses Programm “Bildung für alle” (Education for all / EFA) konzipiert, um weltweit etwas für die Bildung von Kindern zu tun. Die sechs wichtigsten Bildungsziele lauten:

“Ziel 1: Die frühkindliche Bildung soll ausgebaut und verbessert werden, insbesondere für benachteiligte Kinder.

Ziel 2: Bis 2015 sollen alle Kinder – insbesondere Mädchen, Kinder in schwierigen Lebensumständen und Kinder, die zu ethnischen Minderheiten gehören – Zugang zu unentgeltlicher, obligatorischer und qualitativ hochwertiger Grundschulbildung erhalten und diese auch abschließen.

Ziel 3: Die Lernbedürfnisse von Jugendlichen und Erwachsenen sollen durch Zugang zu Lernangeboten und Training von Basisqualifikationen (life skills) abgesichert werden.

Ziel 4: Die Alphabetisierungsrate unter Erwachsenen, besonders unter Frauen, soll bis 2015 um 50 Prozent erhöht werden. Der Zugang von Erwachsenen zu Grund- und Weiterbildung soll gesichert werden.

Ziel 5: Bis 2005 soll das Geschlechtergefälle in der Primar- und Sekundarbildung überwunden werden. Bis 2015 soll Gleichberechtigung der Geschlechter im gesamten Bildungsbereich erreicht werden, wobei ein Schwerpunkt auf der Verbesserung der Lernchancen für Mädchen liegen muss.

Ziel 6: Die Qualität von Bildung muss verbessert werden.”

Quelle: http://www.unesco.de/efa.html

Doch leider sind die Ziele offenbar nicht zu erreichen, so jedenfalls steht es im aktuellen Zwischenbericht der UNESCO für 2010: “…Doch insgesamt erfolgen die Fortschritte zu langsam, um das Ziel der Grundschulbildung für alle Kinder bis zum Jahr 2015 erreichen zu können…”

Quelle: http://www.unesco.de/efareport.html

So wird Roland Bernecker auf http://www.kindergarten-heute.de wie folgt zitiert: „Die große Bedeutung der frühkindlichen Bildung wird weltweit nach wie vor unterschätzt. (…) Weltweit nehmen Angebote frühkindlicher Bildung nur langsam zu.”

Quelle: http://www.kindergarten-heute.de/aktuelles/nachrichten/nachrichten.html

Man darf gespannt sein, ob die Ziele überhaupt erreicht werden.

Silvio Ströver, Diplom-Pädagoge

IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V.

Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Europäischen Kommission ist die IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. (ehemals: Internationaler Jugendaustausch- und Besucherdienst der Bundesrepublik Deutschland e.V.) „auf den Gebieten der internationalen Jugendpolitik, Jugendarbeit und Jugendinformation tätig. Aufgabe ist die Förderung der internationalen Jugendarbeit und der jugendpolitischen Zusammenarbeit, um das gegenseitige Verständnis junger Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen zu erweitern, ihre Beziehungen zueinander zu festigen und um Vorurteile abzubauen.“

Diese informative Webseite sollten Fachleute, Pädagogen, Eltern und Jugendliche kennen, daher folgt hier der entsprechende Link-Tipp:

http://www.ijab.de

Dort finden Jugendliche nicht nur wichtige Links,…:

…sondern auch Experten können sich auf den genannten Links zahlreiche Informationen besorgen:

Silvio Ströver, Diplom-Pädagoge

Litts Bildungsverständnis

(Copyright & Urheber-Rechte: Silvio Ströver)

Eine Ausarbeitung zum Bildungsverständnis von Theodor Litt:

Theodor Litt hat sich mehrmals zum Verhältnis von allgemeiner und beruflicher Bildung geäußert. Mehrere Schriften (“Naturwissenschaft und Menschenbildung, “Technisches Denken und menschliche Bildung, “Das Bildungsideal der deutschen Klassik und die moderne Arbeitswelt, “Wissenschaft und Menschenbildung im Lichte des West-Ost-Gegensatzes“) bezeugen sein Wirken in dieser Richtung. Das Besondere an Litts Leistung war stets, dass er es verstand, vom Allgemeinen auf das Besondere zu schließen. Denn Litt argumentierte oft prinzipiell, sodass seine Texte einen sehr allgemeinen Aussagewert besaßen. Doch konnte Litt zu gegebenen Anlässen immer konkrete Aussagen ableiten, so auch in diesem Kontext nach dem zweiten Weltkrieg, als ganz Deutschland um das Überleben kämpfte und es darauf ankam, so schnell wie möglich wieder eine funktionierende Wirtschaft herzustellen.

Neben einer Rede, die Litt 1947 vor Berufsschullehrern gehalten hatte, trug er 1958 wissenschaftlichen Mitarbeitern einen weiteren Vortrag vor. Im gleichen Jahr fasste Litt beide Reden zu einem Buch zusammen, das den Titel „Berufsbildung, Fachbildung, Menschenbildung“ trug. Während die erste Rede die existentielle Notsituation Deutschlands betont und den klassischen Bildungsbegriff überwindet, so liest man in der zweiten Rede von Litts Appell, trotz des technischen Fortschritts nicht die Humanität zu vergessen. Trotz der unterschiedlichen Gewichtungen widersprechen sich die Texte nicht, sondern können ergänzend gelesen werden.

Litt setzt bei dem überholten Bildungsbegriff an, den er versucht, geschichtlich zu verstehen und mit der Gegenwart zu vergleichen. Dabei stellt Litt heraus, dass die klassische, ästhetisch-literarische Bildung nicht mehr mit der gegenwärtigen Lage übereinstimmt. Durch diese Feststellung distanzierte sich Litt zu den bislang geführten, traditionellen pädagogischen Diskursen, die seit dem 19. Jahrhundert fruchtlose Bildungsdebatten thematisierten. Litt versuchte, durch einen geschichtlichen Rückgriff, die ursprüngliche Intention und Funktion von Bildung herauszustellen. Zunächst stellte er dabei fest, dass zwei konträre Strömungen sich gegenüberstanden: der Humanismus zum Rationalismus. Nach Litt hat sich der Humanismus gegen die fortschreitende Technisierung und Arbeitsteilung gewandt, indem er das Menschliche gegen das Funktionieren des Menschen stellte. Humboldt sah die Lösung darin, dem Menschen eine humanistische Bildung zu ermöglichen, die es ihm erlaubten sollte, aufgrund der Menschenbildung sich gegen den technischen Fortschritt und seinen unmenschlichen Forderungen zu wehren. Nur durch die künstliche Isolierung, nichts mit weltlichen Angelegenheiten und Bedürfnissen tun zu haben, wurde solch eine Menschenbildung möglich. Somit wurde die Kunst, die Sprachen und die Mathematik aufgewertet und berufliche Bildung aus dem klassischen Bildungsverständnis ausgeschlossen. Die Gefahr sah man darin, dass berufliche Bildung immer bedeutet hätte, den industriellen und wirtschaftlichen, also unmenschlichen Bedürfnissen nachzugeben. Doch Litt stellte seiner Zeit heraus, dass dieses Bildungsverständnis auch sehr einseitig und von Nachteil war, da die elementaren bzw. existentiellen Bedürfnisse des Menschen völlig ignoriert und sogar abgelehnt wurden. Dies hatte zur Folge, Menschen unvorbereitet in die reale Welt zu schicken, deren vermittelten, klassischen Ideale der harten Realität nicht standhalten konnten. Nach Litt wäre es gefährlich, zu übersehen, dass auch die anstrengende Arbeit bzw. die harte Realität ein Gegenstand der Bildung sein müsste, da diese immer einen konkreten Lebensbezug beinhaltete. Litt bemerkte, dass der ursprüngliche Rationalismus noch nicht menschenfeindlich eingestellt war, da erst einmal nur die Natur unter dessen Einfluss stand. Später jedoch übertrug sich das technisierte Denken und Handeln auf den Menschen selbst und bedrohte ihn. Doch stellte Litt fest, dass die Naturwissenschaft nicht in der Lage war, die menschliche Entscheidungsfähigkeit ersetzen zu können, auch wenn Analyse-Zweck-Zusammenhänge Entscheidungshilfen sein konnten. Denn das, was den Menschen auszeichnete, war seine Entscheidungsvollmacht. Das Tragische an der naturwissenschaftlichen Haltung, nur nach Mittel und Nutzen zu fragen, war, den Menschen nur noch unter diesem Aspekt wahrzunehmen und ihn somit zu entmenschlichen. Denn auf diese Art wurde nur noch gesehen, wie der Mensch funktionierte und welchen Zweck er erfüllen konnte.

Litts Fazit lautete demnach, dass die menschliche Ratio, seine hochgelobte Vernunft nichts weiter sein konnte, als ein Produkt des Rationalismus´, der alles Irrationale am Menschen wie z. B. Gefühle, Träume und Fantasien leugnete und abstritt. Daher sah Litt in seiner Zeit zunächst das Dilemma, keine angemessene Alternative zu sehen, da sowohl der unrealistische Humanismus als auch der menschenverachtende Rationalismus für sich alleine jeweils nicht wirkliche Bildung ermöglichen konnte. Denn das Problem war, dass beide Richtungen totale Extreme darstellten. Doch Litt sieht beide entgegengesetzte Strömungen im Wechselspiel miteinander vereint. Dies entspräche der menschlichen Natur, die ebenfalls widersprüchlich sei. Daher könnte man nicht nur eine Tendenz, wie z. B. nur die bloße Vernunft einseitig hervorheben, da das Unvernünftige, was den Menschen auch ausmacht, fehlen würde. Somit schloss Litt von der Anthropologie auf den Bildungsbegriff. Demnach wäre es falsch, nur konservative, traditionelle Bildungsinhalte, die nichts mehr mit der gegenwärtigen Realität zu tun hätten, hochzuhalten (klassische Bildung) noch die Gegenwart als einzigen Maßstab zu nehmen, nach dem eine dem wirtschaftlichem Denken untergeordnete Bildung das einzig Wahre sei. Litt geht aber nicht etwa soweit, beide Richtungen auszuschlagen, sondern erfasst beide gleichzeitig. Litt sieht nämlich in der Menschenbildung die Chance, die Technokratie in ihre Grenzen einzuweisen. Ihm ist es wichtig, dass sich der Mensch bewusst macht, dass er es ist, der als ganze Person entscheidet und entgegenwirken kann. Folglich ist der Mensch nicht länger ein von der Technik Abhängiger, sondern kann durch die Selbsterkenntnis seine Gewalt über die Technik wieder neu entdecken und sich gegen den Besitzansprüchen der Naturwissenschaft und Technik wehren. Daher fordert Litt, ständig wach zu bleiben und nicht zu vergessen, wer die eigentlichen Zügel in der Hand hält, nämlich der Mensch. Doch ist es dazu notwendig, dass der herangebildete Mensch sich seiner Handlungsfähigkeit und Entscheidungskompetenz durch die klassisch geprägte Menschenbildung bewusst wird.

Zusammengefasst hielt Litt fest, dass…

-… die künstliche Trennung zwischen der klassischen und modernen Welt nicht richtig sei, da so bestehende Postulate der einen oder anderen Seite nur noch bestärkt würden,

-… eine einseitige Sichtweise, entweder nur die Menschenbildung oder nur die Berufsbildung für wertvoll zu erachten, zur Unbildung führe,

-… der Mensch sich immer wieder an diese spannungsreiche Wechselbeziehung erinnern müsste

-… und dass nur der gebildet sei, der auch seine berufliche Tätigkeit als gesellschaftlich notwendig erkennen könnte.

Auf diese Weise kann gesagt werden, dass Litt in seinem Bildungsverständnis beide Aspekte, das berufsbildende als auch das allgemeinbildende Moment, zusammengeführt hatte, sodass Beides, wenn auch spannungsreich, eine Einheit bildete, die der gebildete Mensch zur Kenntnis nehmen und sich immer wieder dessen bewusst werden sollte.

Litt sieht in der Technisierung, die rasant zunimmt, die Ursache für die zunehmende Unfähigkeit der Pädagogik, professionell auf diese Situation zu reagieren. Es ist die Frage, wie z. B. die Schule ihre Schüler in der Gegenwart gut auf die sich verändernde Zukunft vorbereiten soll. Dabei stellt Litt fest, dass im Ausland das Problem der Fachbildung im Verhältnis zur Menschenbildung weniger dramatisch gewichtet wird als in Deutschland. Während die Fachbildung woanders als Zusatz bzw. als Ergänzung zur Menschenbildung gesehen wird, sehen die Deutschen in diesen Bildungsbegriffen ein Gegensatzpaar. Als extremes Beispiel führt Litt den Kommunismus an, der etwa nicht bloß keinen Unterschied zwischen Fach- und Menschenbildung macht, sondern im Gegenteil nur im Spezialisten den vollkommenen Menschen sieht. Nur, wenn die Fachbildung unter kapitalistischen Gesichtspunkten geschehe, hieße das nach dem Kommunismus, den Menschen auszubeuten.

Im Rückgriff auf die Geschichte stellt Litt heraus, dass die Polarisation von „Fachbildung“ und „Menschenbildung“ von Wilhelm von Humboldt stammt. Im humanistischen Verständnis ist derjenige gebildet, der individuell, universal und total gebildet ist. Die humanistische Auffassung lautet, den Menschen aus seiner Zerrissenheit und Sinnlosigkeit herauszuholen, indem die Ursache dafür, die in der Arbeitsteilung zu finden ist (Fachbildung!), bekämpft wird. D. h., gerade in der fachlich spezialisierten Bildung sahen die humanistischen Philosophen und Pädagogen die Gefahr der menschlichen Entfremdung. Insofern kann geschlussfolgert werden, dass die Fachbildung sich gegen die Menschenbildung bzw. gegen das Menschliche richtet und sich deshalb als einen der Menschenbildung entgegengesetzten Begriff auffassen lässt.

Litt betont, dass dieser Dualismus zwischen der Arbeits- und Bildungswelt zur Folge hatte, dass unter klassischer Bildung das Ästhetisch-Literarische, in der Arbeitswelt das Praktisch-Anwendbare (das Nützliche) verstanden wurde. Eine Ursache liegt nach Litt darin, dass das (Bildungs-) Bürgertum keine Möglichkeit besaß, sich an der Politik zu beteiligen. Aufgrund dessen bemühte man sich ersatzweise um ein eigenes Feld, das von keinem Vorgesetzten angetastet werden konnte, und zwar das Feld der Bildung, die sich aber ins Ideal bzw. ins Ästhetisch-Literarische erstreckte. Auch wenn sich das aufstrebende Bürgertum auf diese Weise auch gesellschaftlich allmählich etablierte und sich weiterentwickeln konnte, entfernte es sich ständig von der arbeitsteiligen Wirklichkeit, die eine praktische Ausbildung erforderte und die musisch-kreative Bildung ablehnte. Dass es in Deutschland solch schwere Diskussionen um Bildungsfragen gegeben hat und dass der Abstand zwischen der pädagogischen Doktrin und der gesellschaftlich-ökonomischen Realität immer größer wurde, begründet Litt damit, dass die Träger der deutschen Klassik zu dieser Einseitigkeit mit dazu beigetragen hatten.

Litt beobachtet also, dass sich eine künstliche und falsche Trennung zwischen Theorie und Praxis bzw. zwischen der Empirie (Naturwissenschaft, Mathematik, …) und der Geisteswissenschaften (Philosophie, Pädagogik, …) geschichtlich entwickelt hat, wobei nicht auszudenken ist, dass diese Entwicklung als ein „Fehltritt“ zu bewerten sei. Die Geschichte zeigt jedoch, dass zunächst Fachbildung und Menschenbildung als Einheit gesehen wurde (17. Jhr.: „Rationalisierung als Vollendung der Humanität“). Erst im späteren Verlauf übertrug man das technische Mittel-Nutzen-Denken in das menschliche Zweck-Denken, sodass in menschlichen Entscheidungsfragen nun die Betonung auf Fragen gelegt wurde, die sich eher nach der Effizienz bzw. nach dem Nutzen (dem Mittel, der Sache) richteten. Die Folge dieses Denkens war, dass zum Schluss der Gebildete praktisch „nichts mehr konnte“, da er so gebildet wurde, alles Praktische abzulehnen und geringzuschätzen. Die klassische Bildung war demnach an ihre Grenzen gestoßen, da doch die ursprünglich humanistische Idee, mit der ratio (Vernunft als Teil des „Sachverstands“) auch den Menschen zu bilden, durch die Aufwertung der Mathematik schnell aufgegeben wurde, um sich gegen die Technisierung abzugrenzen. So entwickelten sich beide Seiten immer weiter auseinander, bis der Zustand erreicht wurde, dass die Vertreter der Naturwissenschaften genauso wenig von den Geisteswissenschaften verstanden, wie es auch umgekehrt der Fall war. Litt sieht Deutschland nun in dieser Situation. Die genannte Forderung der Wirtschaft, nicht nur fachlich gebildete („Fachidioten“), sondern auch „persönlich“ gebildete Menschen zu erziehen zeigt deutlich, dass Bildung wieder einen Zusammenhang zwischen Fach- und Menschenbildung herstellen muss. Konkreter gesagt ist Menschenbildung ohne Fachbildung bzw. auch in umgekehrter Weise nicht möglich. Litt begründet das damit, dass der Mensch sich in der Auseinandersetzung mit der Sache persönlich verändert und deswegen das Naturwissenschaftlich-Empirische nicht bloß wie ein totes den Menschen nicht beeinflussendes Werkzeug zu betrachten sei, sondern dass das Praktisch-Sachliche eng mit der Menschenbildung zusammenhängt. Die Empirie ist jedoch nur die Aufklärung über vorhandene Möglichkeiten und Mittel, doch die Sozialwissenschaften helfen, menschliche, ethische Entscheidungshilfen zu fällen. Daher kann die Fachbildung nicht von der Menschenbildung getrennt werden. Es ist wichtig, dass die konkrete Naturwissenschaft und die Empirie wieder so betrieben wird, dass auch das allgemein Abstrakte berücksichtigt wird bzw., dass die Geisteswissenschaften wieder lernen, das Konkret-Praktische, aus dem Leben-stammende wieder zu berücksichtigen. Erst wenn diese Trennung überwunden wird, so kann auch die gegenseitige Abwertung ausbleiben, damit wieder ganzheitliche Bildung, die sowohl das Fachliche als auch das Menschliche gleichermaßen miteinbezieht, Raum gewinnt. Um zu vermeiden, dass man wieder einseitig denkt und handelt, bedarf es nach Litt der „Wachsamkeit“. Durch diese Wachsamkeit reflektiert der Mensch darüber, ob seine (zweckdienlichen, subjektiven) Entscheidungen noch zweckbestimmt (subjektiv) sind oder ob seine Entscheidungen nur sachlicher Natur sind. D. h., dass der Mensch immer darauf achten muss, ob er sich der Sache zum „Sklaven“ macht, indem er sich von den Dingen, die eine Eigenlogik und -Macht besitzen, „verführen“ lässt.

Nur stellt sich mir die Frage:

Wer kontrolliert den Kontrolleur?

Wer kann garantieren, dass der Mensch wachsam bleibt?

Natürlich wäre es aus unserer Sicht nicht wünschenswert, wenn jemand eine Person in der Hinsicht kontrollieren würde, da dies selbst schon wieder unethisch wäre.

Zudem würde sich die weitere Frage stellen, wer den kontrollierenden Kontrolleur kontrolliert.

Es zeigt sich, dass diese Spannung bzw. diese Ungewissheit grundsätzlich menschlich ist und demnach auszuhalten ist (Grenzen der Pädagogik).

Silvio Ströver, Diplom-Pädagoge

Literatur:

LITT, Theodor: Berufsbildung, Fachbildung, Menschenbildung. In: REBLE, Albert: Theodor Litt:Pädagogische Schriften. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, 1995. S. 89- 148.

MENZE, Clemenz:Berufsbildung und Allgemeinbildung. In: NICOLIN, Friedhelm; WEHLE, Gerhard (Hrsg.): Theodor Litt: Pädagogische Analysen zu seinem Werk. Bad Heilbrunn / Obb.: Verlag Julius Klinkhardt, 1982. S. 66-84.

LITT, Theodor: 4. Fachbildung und Menschenbildung (1958). In: REBLE, Albert: Theodor Litt Pädagogische Schriften. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, 1995. S. 118-148.